Kolumbien befindet sich zwar weiterhin in einem bewaffneten Konflikt, die Regierung Uribe allerdings nahm die Demobilisierung der paramilitärischen Einheiten zum Anlass, klassische Post-Konflikt-Instrumente anzuwenden. So gibt es in diesem Land seit 2003 intensive Debatten über Wahrheitsfindung, Entschädigung, Versöhnung und Strafprozesse für die TäterInnen. Der 2005 verabschiedete gesetzliche Rahmen dieser Demobilisierung (Gesetz „Gerechtigkeit und Frieden“) wurde wegen seiner geringen Strafen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit heftig kritisiert, führte aber entgegen der eigentlichen Intention der Regierung zu einer Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen den Eliten und den Paramilitärs. Welche Relevanz aber haben diese Entwicklungen für Menschen fernab des politischen Zentrums? Mittels einer umfangreichen, auf qualitativen Interviews aufgebauten Feldforschung versucht der Autor, der selbst mehrere Jahre in Kolumbien tätig war, herauszufinden, mit welchen Bedeutungen zivilgesellschaftlich engagierte Menschen in der Konfliktregion Magdalena Medio die Begriffe Transitional Justice und Versöhnung füllen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Demobilisierung der paramilitärischen Einheiten höchstens als punktuelles historisches Ereignis, nicht aber als Grundlage für eine „Transition“ relevant ist. Zuwenig wird eine spürbare Veränderung systemischer Missstände wie Ungleichheit, Korruption und Gewalt erkannt, was auch auf inhärente Schwächen der Transitional Justice hindeutet. Erst wenn sie konsequent strukturelle Konfliktursachen benennt und behebt, könnte Transitional Justice einen Prozess hervorrufen, der letztlich zur Versöhnung auf mehreren Ebenen führt. Die Interviewten bezeichnen eindeutig Gerechtigkeit, Wahrheit und tiefgreifende politische und ökonomische Veränderungen als Grundlage eines solchen Prozesses. Dem Staat wird fast einheitlich ein großes Misstrauen entgegen gebracht; zu lange nahmen die Menschen in ihm eine Quelle für Unsicherheit und einen Gewaltakteur wahr. Das 2011 verabschiedete „Opfergesetz“ mit seinen Bestimmungen zur Landrückgabe und der Entschädigung der Opfer könnte bei einer effizienten Umsetzung zu einer Veränderung der Beziehung zwischen Staat und BürgerInnen führen. Daraus zeigt sich, dass Versöhnung als ein langandauernder und politisch ambitionierter Prozess gesehen wird, der sich nicht auf medienwirksame und oberflächliche „Versöhnungszeremonien“ zwischen einzelnen Opfern und TäterInnen beschränken lässt.
James HughesDenisa Kostovicova