In der Vergangenheit wurden die fiktiven Werke des amerikanischen Schriftstellers Bret Easton Ellis sowohl von Kritikern als auch Lesern häufig als oberflächlich und trivial verworfen. Der New York Times Kritiker Daniel Mendelsohn bezeichnet Ellis American Psycho beispielsweise als „einen aufgeblähten, verblödend repetitiven, hochgejubelten Roman über einen fabelhaft gutaussehenden und teuer gekleideten Wall Street Soziopathen, der schöne junge Frauen foltert und verstümmelt“ („a bloated, stultifyingly repetitive, overhyped novel about a fabulously good-looking and expensively dressed Wall Street sociopath who tortures and dismembers beautiful young women“). Die in dem vorliegenden Abstract vorgestellte Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, solche Auffassungen zu widerlegen, indem Ellis Romane und Kurzgeschichten, die, vor allem, für ihre Darstellung von gefühlskalten, selbstsüchtigen Charakteren und der Unterdrückung von Frauen oder anderen Personen mit einer sozial benachteiligten Stellung bekannt sind, im Lichte von Ovids Mythos von Narziss und Echo, der sich auf ähnliche Weise mit einem von sich selbst eingenommenen Jüngling und dem Leiden einer gestraften und verschmähten Nymphe auseinandersetzt, analysiert werden. Die Analyse von Ellis Werken anhand ihrer intertextuellen Bezüge zum Mythos soll aufzeigen, dass es sich dabei keineswegs lediglich um triviale Literatur handelt, sondern um Literatur reich an tieferen Bedeutungen, die nicht nur soziale Normen und Tabus brechen, sondern auch ein kritisches Licht auf dominante Wertvorstellungen und Strukturen in der westlichen Gesellschaft werfen. Die Arbeit, die den sowohl im Mythos als auch in Ellis Werken gesetzten Themenschwerpunkt auf Geschlechterverhältnisse als Ausgangspunkt nimmt, widmet sich der Beantwortung folgender Fragen: Welche Bedeutungen werden durch die intertextuellen Bezüge zu Ovids Mythos geschaffen und hervorgehoben? Wie beeinflussen die Parallelen zu den Figuren des Narziss und der Echo die Interpretation von Ellis Charakteren? Wie lässt sich die Darstellung von Geschlechter- und Machtverhältnissen in Ellis Romanen und Kurzgeschichten anhand des Mythos auslegen? Zur Untersuchung dieser Fragen werden psychoanalytische Überlegungen zum Narzissmus, feministische Theorien und Studien zur Intertextualität herangezogen, wobei eine postmoderne Auffassung von Intertextualität, die sämtliche Literatur als das Resultat intertextueller Verknüpfungen betrachtet und der zufolge der Autor nicht mehr als absolute bedeutungsgebende Instanz anzusehen ist, vertreten wird. Die Analyse von Ellis Romanen und Kurzgeschichten, die einem close reading unterzogen werden, ist zunächst in zwei Teile gegliedert, die jeweils den Charakteren, die auf Narziss basieren, und denen, die intertextuelle Bezüge zu Echo aufweisen, gewidmet sind. Abschließend werden die Ergebnisse dieser beiden Teile zusammengetragen und in Verbindung reflektiert, um Schlüsse über die Dynamik von Geschlechterkonstellationen in der Literatur von Bret Easton Ellis zu ziehen.